Prof. Dr. Sehouli Charité Berlin mit Patienten zum Thema Nachsorge bei Krebs

Nach­sor­ge in der gynä­ko­lo­gi­schen Onko­lo­gie – War­um man bei Krebs­er­kran­kung Neben­wir­kun­gen vor­beu­gen sollte

Nach­sor­ge ist auch Vor­sor­ge, ins­be­son­de­re in der gynä­ko­lo­gi­schen Onko­lo­gie. Denn Krebs­er­kran­kun­gen kön­nen einer­seits wie­der­auf­tre­ten (Rezi­div), ande­rer­seits kön­nen sie Lang­zeit­ne­ben­wir­kun­gen ver­ur­sa­chen, die gro­ßen Ein­fluss auf die Lebens­qua­li­tät der Pati­en­tin haben können.

Nach jeder Krebs­er­kran­kung ist eine regel­mä­ßi­ge und kor­rek­te Nach­sor­ge durch die betreu­en­den Ärzt:innen von gro­ßer Bedeu­tung. Die­se Sei­te soll Ihnen einen kur­zen Über­blick dar­über ver­schaf­fen, in wel­chem Zeit­raum die Nach­sor­ge­un­ter­su­chun­gen der­zeit emp­foh­len wer­den und wel­che Lang­zeit­ne­ben­wir­kun­gen sie ver­bes­sern können.

Das Ziel der Nach­sor­ge ist es, eine wir­kungs­vol­le und auf die indi­vi­du­el­le Leis­tungs­fä­hig­keit und Lebens­pla­nung aus­ge­rich­te­te Lin­de­rung der Krebs­er­kran­kung und der The­ra­pie­fol­gen zu bringen.

Nach­sor­ge­un­ter­su­chun­gen

Bei den Nach­sor­ge­sche­ma­ta wird zwi­schen Brust- und Unter­leibs­krebs unter­schie­den. In die­sem Bei­trag fokus­sie­ren wir uns auf die Nach­sor­ge bei Unter­leibs­krebs. So erge­ben sich fol­gen­de Zeit­räu­me für Nachsorgeuntersuchungen:

Nach­sor­ge bei Unterleibskrebs:

1–3 Jah­re nach der Dia­gno­se­stel­lung soll­ten Pati­en­tin­nen alle 3 Mona­te zur Nach­sor­ge. Hier­bei wer­den sowohl eine kör­per­li­che Unter­su­chung, als auch Beschwer­den und Neben­wir­kun­gen bespro­chen. Nach 4–5 Jah­ren erwei­tert sich das Inter­vall auf alle 6 Mona­te und ab dem 6. Jahr fin­det die Nach­sor­ge jähr­lich statt.

Neben­wir­kun­gen

Die Pro­gno­se von vie­len Tumor­er­kran­kun­gen hat sich ver­bes­sert, was mehr Hei­lun­gen, ein gerin­ge­res Rezi­di­v­ri­si­ko und ein län­ge­res Über­le­ben bedeu­tet. Dies hat aber auch zur Fol­ge, dass sich die Lang­zeit­ne­ben­wir­kun­gen von Tumor­the­ra­pien bemerk­bar machen. Sie wer­den damit zu einem wich­ti­gen The­ma für die Pati­en­tin­nen, Ange­hö­ri­ge und Ärzt:innen.

Die fol­gen­den Lang­zeit­ne­ben­wir­kun­gen sind zu beachten:

Fati­gue

Als Fati­gue bezeich­net man einen Man­gel an Ener­gie­re­ser­ven, ein hohes Ruhe­be­dürf­nis und eine oft blei­er­ne „Müdig­keit“, die sowohl die kör­per­li­che als auch die men­ta­le Leis­tungs­fä­hig­keit beein­träch­tigt und sich nicht durch Schlaf­man­gel oder star­ke Belas­tung erklä­ren lässt. Damit unter­schei­det die Fati­gue sich auch von einer „nor­ma­len“ Müdig­keit (Schlaf­man­gel) oder Erschöp­fung (durch star­ke Belas­tung). Fati­gue zählt zu einem der häu­figs­ten und belast­ends­ten Sym­pto­men einer Krebs­er­kran­kung mit denen Pati­en­tin­nen zu kämp­fen haben. Die meis­ten Krebs­pa­ti­en­tin­nen errei­chen nach Abschluss der Tumor-Behand­lung inner­halb eines Jah­res ihr ursprüng­li­ches Ener­gie-Niveau zurück. Neue­re Stu­di­en zei­gen jedoch, dass etwa 30% der Pati­en­tin­nen auch meh­re­re Jah­re nach der Behand­lung anhal­tend unter schwe­rer Fati­gue und den dadurch ver­ur­sach­ten Lebens-Ein­schrän­kun­gen lei­den. Lei­der ist noch immer nicht genau bekannt, war­um etwa ein Drit­tel der Pati­en­tin­nen die­se chro­ni­sche Fati­gue ent­wi­ckeln. Es gibt jedoch ver­schie­de­ne The­ra­pie­bau­stei­ne, die ein­ge­setzt wer­den kön­nen, um die Fati­gue-Sym­pto­ma­tik zu verbessern.

Kar­dio­lo­gi­sche Langzeitnebenwirkungen

Eine der häu­figs­ten und wich­tigs­ten Lang­zeit­ne­ben­wir­kun­gen von onko­lo­gi­schen The­ra­pien ist die Kar­dio­to­xi­zi­tät. Als kar­dio­to­xisch bezeich­net man che­mi­sche Sub­stan­zen bzw. Medi­ka­men­te, die das Herz auf ver­schie­de­ne Wei­se beein­träch­ti­gen oder schä­di­gen kön­nen. Eine Kar­dio­to­xi­zi­tät unter onko­lo­gi­scher The­ra­pie kann sich unter­schied­lich manifestieren:

  • Frü­he For­men: Herz­rhyth­mus­stö­run­gen, Durch­blu­tungs­stö­run­gen, Arte­ri­el­le Hyper­to­nie etc.
  • Spä­te For­men: Ent­wick­lung einer Herz­in­suf­fi­zi­enz mit den kli­ni­schen Zei­chen einer Ein­schrän­kung der Leis­tungs­fä­hig­keit, Luft­not sowie Gewichts­zu­nah­me und Ödemen.

Da sich die­se Ver­än­de­run­gen des Herz­mus­kels in den meis­ten Fäl­len lang­sam und schlei­chend ent­wi­ckeln kann eine begin­nen­de Schä­di­gung des Her­zens bei vie­len Patient:innen zunächst unbe­merkt blei­ben. Die Dia­gno­se wird in Zusam­men­schau der Befun­de (mit­tels Ana­mne­se, kör­per­li­cher Unter­su­chung, Vital­pa­ra­me­tern, Labor­dia­gnos­tik, EKG) sowie mit dem Gold­stan­dard der trans­t­ho­ra­ka­len Her­zu­ltra­schall­un­ter­su­chung (Echo­kar­dio­gra­phie) gestellt. Im kli­ni­schen All­tag ist gera­de bei Lang­zeit­über­le­ben­den nach gynä­ko­lo­gi­scher Tumor­er­kran­kun­gen auch noch Jah­re und Jahr­zehn­te nach onko­lo­gi­scher The­ra­pie auf poten­zi­ell kar­dio­to­xi­sche Mani­fes­ta­tio­nen zu achten.

Kno­chen­ge­sund­heit

Der Stoff­wech­sel im Kno­chen wird durch Hor­mo­ne gesteu­ert. Stö­run­gen die­ser Hor­mo­ne füh­ren zu Erkran­kun­gen des Kno­chens. Bei fol­gen­den Beschwer­den oder Krank­heits­bil­dern soll­te eine endo­kri­no­lo­gi­sche Abklä­rung erfolgen:

  • Osteo­po­ro­se
  • ernied­rig­te oder erhöh­te Kal­zi­um­wer­te im Blut
  • Fehl­funk­ti­on der Nebenschilddrüsen
  • Vit­amin-D-Man­gel

Eine umfas­sen­de und kom­pe­ten­te Abklä­rung der Hor­mo­ne des Kno­chen­stoff­wech­sels bie­tet die Kli­nik für Endo­kri­no­lo­gie und Stoffwechselmedizin.

Men­ta­le Gesundheit

An Krebs erkrank­te Frau­en kön­nen soma­to-psy­chi­schen Belas­tun­gen aus­ge­setzt sein. Damit die­se nicht in eine Anpas­sungs­stö­rung mün­den, oder den Hei­lungs­pro­zess behin­dern ist es wich­tig, einen gesund­heits­för­dern­den Raum für die Betrof­fe­nen anzu­bie­ten, in wel­chem sie in einem siche­ren Rah­men erle­ben und erfah­ren dürfen.

Krebs­pa­ti­en­tin­nen erle­ben im Ver­lauf der Erkran­kung und Behand­lung eine Viel­falt von kör­per­li­chen, psy­chi­schen und sozia­len Belas­tun­gen. In ver­schie­de­nen Stu­di­en konn­te gezeigt wer­den, dass pro­fes­sio­nel­le psy­cho­so­zia­le Bera­tun­gen bei der Ver­rin­ge­rung von psy­chi­schen Belas­tun­gen gut wirk­sam sind. Auch Lang­zeit­über­le­ben­de haben einen hohen Bedarf an einer psy­cho­on­ko­lo­gi­schen Beglei­tung. Knapp ein Drit­tel der Lang­zeit­über­le­ben­den mit gynä­ko­lo­gi­scher Tumor­er­kran­kung haben gro­ße Angst, z.B. vor dem Ster­ben und nicht mehr für Ihre Fami­lie da zu sein, und über 40% ent­wi­ckeln eine Depression.

Neu­ro­lo­gi­sche Langzeitnebenwirkungen

Eine Viel­zahl der gegen­wär­tig im Rah­men einer sys­te­mi­schen Che­mo­the­ra­pie ein­ge­setz­ten Krebs­me­di­ka­men­te kön­nen Schä­den im peri­phe­ren Ner­ven­sys­tem ver­ur­sa­chen. Dies ruft bei den Betrof­fe­nen oft­mals bereits wäh­rend der The­ra­pie auf­tre­ten­de (schmerz­haf­te) Miss­emp­fin­dun­gen in Hän­den und Füßen (krib­belnd, nadel­stich­ar­tig, wie Amei­sen­lau­fen, elek­tri­sie­rend) her­vor. Die­se soge­nann­ten „Posi­tiv­sym­pto­me“ kön­nen sich tem­pe­ra­tur­ab­hän­gig ver­stär­ken und sind oft bei Käl­te stär­ker aus­ge­prägt als bei Wär­me. Jedoch bekla­gen vie­le Erkrank­te gleich­zei­tig in den betrof­fe­nen Haut­area­len auch eine her­ab­ge­setz­te Emp­fin­dung oder Taub­heit (sog. „Nega­tiv­sym­pto­me“), die zu Stö­run­gen der Fein­mo­to­rik oder des Gleich­ge­wichts und Gangs füh­ren kann. Sowohl Posi­tiv- wie Nega­tiv­sym­pto­me sind Aus­druck der Schä­di­gung sen­si­bler Ner­ven­fa­sern und füh­ren bei vie­len Betrof­fe­nen zu all­tags­re­le­van­ten Ein­schrän­kun­gen. In sehr sel­te­nen Fäl­len kön­nen auch moto­ri­sche Ner­ven­fa­sern durch die Che­mo­the­ra­pie geschä­digt wer­den, was zu Läh­mungs­er­schei­nun­gen füh­ren kann. Die Ursa­chen der Ner­ven­schä­di­gung durch Che­mo­the­ra­pie sind bis heu­te nur unzu­rei­chend ver­stan­den und dem­entspre­chend exis­tie­ren kei­ne vor­beu­gen­den oder hei­len­den The­ra­pien. Je nach appli­zier­ten Che­mo­the­ra­peu­ti­kum kön­nen 30–90% der Behan­del­ten von CIPN betrof­fen sein, deren Aus­maß jedoch indi­vi­du­ell sehr unter­schied­lich ist.

Fazit

Um Lang­zeit­ne­ben­wir­kun­gen im Ver­lauf der Nach­sor­ge ent­ge­gen­steu­ern zu kön­nen, soll­ten Pati­en­tin­nen infor­miert blei­ben und ihre behan­deln­den Ärzt:in stets über Ver­än­de­run­gen infor­mie­ren. Zum Bei­spiel auch dar­über wie es nach einer ambu­lan­ten The­ra­pie zu Hau­se ergan­gen ist. Neben­wir­kun­gen soll­ten nicht still­schwei­gend hin­ge­nom­men wer­den nach dem Mot­to: “Das gehört wohl nun ein­mal dazu.”. Am bes­ten hilft eine Art Tage­buch, in dem Beob­ach­tun­gen notiert wer­den kön­nen und Ihre Nach­sor­ge ver­bes­sern kann.

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